Projekthintergrund und Ziele

Ein nicht unerheblicher Anteil der sterbenden Krankenhauspatienten und Heimbewohner wird ihren letzten Lebenstagen nochmals innerhalb der Einrichtung bzw. in weitere Einrichtungen verlegt. Dabei bleibt weitgehend unklar, ob dafür eine medizinische, eine soziale oder pflegerische Indikation vorliegt. Unklar bleibt auch vor welchen versorgungsfachlichen, personellen, organisatorischen, ökonomischen und haftungsrechtlichen Rahmenbedingungen diese Verlegungen geführt werden. Offen bleibt, inwieweit diese Praxis den Wünschen der Sterbenden entspricht und damit mit dem u.a. in der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ erkennbaren Ziel, Menschen unabhängig vom Sterbeort ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen, in Einklang steht. Aus diesen Gründen führen Verlegungen in den letzten Lebenstagen bei Angehörigen und Betreuenden in aller Regel zu Unsicherheiten, ethischen Bedenken und Stress.


In projekteigenen Vorarbeiten konnten bereits vier Risikofelder identifiziert werden, die zu Verlegungen in der letzten Lebensphase führen können:


1.    akute Verschlechterung des physiologischen Zustands des Bewohners bzw. des Patienten,
2.    sich ausweitende psychische und mentale Beeinträchtigungen,
3.    äußere Einflussnahmen, z.B. durch Angehörige oder externe Ärzte, und
4.    strukturelle Rahmenbedingungen.


Es ist davon auszugehen, dass es sich infolge dieser Risiken bei einem Großteil der Verlegungen in den letzten Lebenstagen und -wochen um nicht indizierte, also „Fehlverlegungen“ handelt. Ziel ist es nun zu ermitteln, durch welche Bedingungen und Entscheidungsprozesse in der Praxis diese „Fehlverlegungen“  entstehen und durch welche Leitlinien und mit diesen verbundenen Werkzeuge „Fehlverlegungen“ systematisch verhindert werden können. Dies sollte sich nicht nur positiv auf das Patientenwohl und die Versorgungsqualität sterbender Menschen auswirken, sondern auch die psychosoziale Belastung der Angehörigen und betreuenden Helfer nicht unnötig erhöhen. Auch soll eine Orientierung zur Kosten-Nutzen-Situation erstellt werden.

Projektablauf und Methodik

Den Kern des Projekts „Avenue-Pal“ bilden die Entwicklung, Anpassung und Implementierung von 2 Versorgungsleitlinien und mit diesen verbundenen Handlungsempfehlungen, je eine für die Krankenhaus- und eine für die stationäre Pflegeversorgung.
Dabei gliedert sich das Projekt zeitlich und inhaltlich in vier sich überlagernde Phasen:

 

Phase 1:
In Phase 1 erfolgt eine genaue Erfassung und Analyse der bestehenden Verlegungspraxis. Dabei werden zum einen standardisierte Mitarbeiterbefragungen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und bei niedergelassenen Hausärzten durchgeführt. In Workshops mit Fokusgruppen, d.h. ausgewählten Vertretern aus den beteiligten Berufsgruppen, werden zudem fokussierte Fragestellungen zu den Modalitäten des Verlegungs- bzw. Überweisungsprozesses beantwortet sowie die Befragungsinhalte aus Sicht der Praxis beleuchtet. Ergänzend dazu werden zur Vertiefung der Ergebnisse Experteninterviews geführt. Die Befragungen und Workshops werden von Sekundärdatenanalysen der aktuellen Versorgungsforschung begleitet.


Phase 2:
Auf Grundlage der Ergebnisse der Befragungen aus Phase 1 und eines Literaturreviews werden in einem Konsensusverfahren mit hinzugezogenen Experten die wichtigsten Risikofaktoren für „Fehlverlegungen“ identifiziert und Leitlinien und Instrumente zum Verlegungsmanagement Sterbender in Krankenhäusern und Pflegeheimen entwickelt.


Phase 3:
In Phase 3 erfolgt die Implementierung der Leitlinien in zwei Modellbereichen zur praktischen Erprobung und Anpassung, zum einen in einer universitätsmedizinischen Einrichtung, zum anderen in einer großen Pflegeeinrichtung. Dazu werden die beteiligten Mitarbeiter geschult und unterstützt. Zudem wird ein Informations- und Kommunikationswerkzeug entwickelt, um einerseits professionelle Helfer und andererseits die Betroffenen zu unterstützen. In dieser Phase wird auch ein für den Projektzweck angepasstes MEESTAR-Verfahren zur formativ ethischen Evaluation zur Anwendung gebracht.


Phase 4:
In dieser Phase wird das Vorgehen in den Modelleinrichtungen evaluiert und der Transfer als bundesweite Referenzlösung etabliert. Die Wirksamkeit und Effekte des erarbeiteten Instrumentariums werden durch quantitative und qualitative Messungen überprüft. Dazu zählen


1.    die Verlegungshäufigkeit,
2.    die Zufriedenheit der Betroffenen
3.    die berufliche Zufriedenheit der Mitarbeiter und
4.    die Veränderung der Kostenstruktur.


Die erarbeiteten Leitlinien, Instrumentarien und Prozesse des Projekts stehen am Schluss des Projekts sowohl den Projektpartnern als auch interessierten Einrichtungen und Personen auf dieser Website zur Verfügung.